Sanne Klit: Die Daten-Zukunft: Das Ersatzteil liefern, bevor der Fehler auftritt (Teil 4)
(Teil 4 unserer Interviewreihe mit Sanne Egholm Klit, Head of Parts Solutions & Warranty bei BEUMER)
Was wäre, wenn Ersatzteile bereits vor Ort verfügbar wären, noch bevor ein Ausfall überhaupt registriert wird?
Über Jahrzehnte hinweg war das Ersatzteilmanagement in der Industrie ein reines Verfolgungsrennen: Etwas bricht, die Anlage steht, und die Uhr tickt unerbittlich. Es ist ein reaktiver, stressgeladener Zyklus, der maßgeblich davon abhängt, wie schnell ein Mensch den Fehler diagnostiziert und wie eilig ein Kurier das Ersatzteil liefern kann.
Der Grund für diesen Status quo war simpel: Für präzise Vorhersagen braucht es riesige Mengen an Betriebsdaten – und diese existierten lange Zeit schlichtweg nicht. Wartungsprotokolle waren fragmentiert, Maschinen lieferten kaum digitale Signale, und das Verhalten über eine gesamte installierte Basis hinweg zu analysieren, war praktisch unmöglich.
Heute verschiebt sich diese Grenze. Moderne Anlagen produzieren enorme Datenmengen, Instandhaltungssysteme dokumentieren Eingriffe lückenlos, und Advanced Analytics erkennt Muster über tausende Installationen hinweg. Das Ergebnis: Predictive Spare Parts Planning – die bedarfsgerechte Planung vor dem Ausfall – wird technisch greifbar.
In den bisherigen Teilen unserer Interviewreihe mit Sanne Egholm Klit haben wir die strategische Rolle von Ersatzteilen für Maschinenbauer (Teil 1), die Herausforderungen der Ersatzteilplanung über eine globale installierte Basis hinweg (Teil 2) und die Realität des Obsoleszenzmanagements (Teil 3) beleuchtet. Im letzten Teil der Serie richten wir den Blick nach vorn: auf den Übergang von reaktivem Handeln zu einer vorausschauenden Ersatzteilversorgung.
Von reaktiver Logistik zu präventivem Support
Historisch gesehen wurde die Ersatzteilversorgung bei den meisten Maschinenbauern durch Ereignisse im Feld diktiert. Fällt eine Komponente aus oder erreicht das Ende ihrer theoretischen Lebensdauer, meldet sich der Betreiber und der Austausch wird organisiert. Planung hilft zwar, die Auswirkungen abzufedern, doch die Unsicherheit bleibt.
Sanne Egholm Klit von BEUMER ist überzeugt, dass sich das Ersatzteilmanagement schrittweise von diesem rein reaktiven Modell lösen wird:
„Unser Ziel ist es, Ersatzteile genau dann bereitzustellen, wenn sie gebraucht werden – idealerweise noch bevor der Kunde selbst weiß, dass ein Bedarf besteht.“
Die Vision der „vorhersehbaren Ersatzteile“ ist dabei keineswegs neu. Tatsächlich hat BEUMER dieses Ziel bereits ins Auge gefasst, als das iPad noch eine Neuheit war:
„Schon in unserer Strategie von 2013 sprachen wir davon, den Kunden anzurufen, bevor er überhaupt merkt, dass er ein Problem hat.“
Dass die Umsetzung Zeit brauchte, lag am fehlenden „Treibstoff“: hochauflösenden Betriebsdaten. Vor zehn Jahren waren Wartungsberichte oft nur Notizen im Logbuch. Heute ist das Internet der Dinge (IoT) kein Schlagwort mehr, sondern das Rückgrat der Systeme.
Intuition durch Realdaten ersetzen
Jahrelang verließen sich OEMs und Betreiber auf theoretische Kennzahlen wie die Mean Time Between Failures (MTBF) – statistische Werte aus dem Handbuch. Doch wie Reliability-Experten wie Sanjib Das betonen, verhält sich eine Pumpe in einem feuchten Keller eines Flughafens völlig anders als in einem klimatisierten Hochregallager.
Sanne sieht die Zukunft in der Nutzung von Echtzeitdaten aus Sensoren und CMMS-Systemen (Computerized Maintenance Management Systems), um eine echte „Field Truth“ abzubilden:
„Wir setzen darauf, dass uns die Daten aus der Sensorik und den Wartungssystemen erlauben, deutlich präventiver zu agieren.“
Für Maschinenbauer mit einer großen installierten Basis eröffnet dies enorme Chancen. Durch den Vergleich von Wartungsdaten über verschiedene Kunden und Standorte hinweg lassen sich Verschleißmuster und kritische Zustände identifizieren, lange bevor sie zum Stillstand führen.
Warum Prognose die Partnerschaft verändert
Prädiktive Erkenntnisse verbessern nicht nur die Lagerumschlagshäufigkeit. Sie verändern die fundamentale Beziehung zwischen Maschinenbauer und Betreiber.
Bisher beginnt die Kette beim Betreiber: Ausfall → Identifikation → Anfrage. In einem prädiktiven Modell dreht sich der Informationsfluss. Der Maschinenbauer erkennt Muster in der installierten Basis, bevor der einzelne Betreiber betroffen ist. Ersatzteile können vorproduziert oder strategisch vorpositioniert werden.
Für den Betreiber sinkt das Risiko ungeplanter Stillstände dramatisch. Für den Maschinenbauer festigt es die Rolle als langfristiger Partner für die Anlagenverfügbarkeit statt nur als Teile-Lieferant.
Die Herausforderung: Gemeinsame Datentransparenz
Trotz dieses Potenzials kann kein Unternehmen prädiktives Management im Alleingang erreichen. Die notwendigen Daten sind über das gesamte Ökosystem verteilt:
- Betreiber besitzen die detaillierten Betriebs- und Wartungshistorien.
- Maschinenbauer besitzen das Engineering-Wissen und den Überblick über die weltweite installierte Basis.
Diese Perspektiven zusammenzuführen, ist die zentrale Aufgabe der nächsten Phase industrieller Servicemodelle. Sanne bringt es auf den Punkt:
„Heute verlassen wir uns noch stark auf Erfahrung und Bauchgefühl. Was uns fehlt, ist die durchgängige Datenbasis.“
Ein vernetztes Ersatzteil-Ökosystem
Dieser Wandel beeinflusst bereits heute, wie Unternehmen über Bestände nachdenken. Statt Ersatzteile isoliert in einem einzigen Lager zu optimieren, rücken vernetzte Ansätze in den Fokus.
Transparenz über Standorte hinweg und kollaborative Planungsstrategien ermöglichen eine höhere Verfügbarkeit, ohne die Kapitalbindung in die Höhe zu treiben. Lösungen wie SPARROW.Stock und SPARROW.Pool unterstützen Unternehmen dabei, diese vernetzten Strategien umzusetzen. Ersatzteile werden hier nicht mehr als totes Kapital im Regal betrachtet, sondern als Teil eines aktiven Zuverlässigkeits-Netzwerks.
Fazit: Ersatzteile neu denken
Über diese gesamte Interviewreihe hinweg wird eines klar: Ersatzteilmanagement ist keine rein operative Hilfsfunktion mehr. Es ist eine strategische Disziplin an der Schnittstelle von Engineering, Supply Chain und Kundenbeziehung.
Maschinenbauer müssen über Jahrzehnte planen, Betreiber die Uptime gegen die Kapitalbindung abwägen und Zulieferer ihre Produktzyklen managen. In diesem komplexen Umfeld reicht Erfahrung allein nicht mehr aus. Die Zukunft gehört der datengetriebenen Zusammenarbeit.
Wie die Gespräche mit Sanne Klit gezeigt haben, geht es beim Ersatzteilmanagement im Kern um Vertrauen und Partnerschaft. Wenn das System funktioniert, bleibt es unsichtbar. Wenn es scheitert, sind die Folgen sofort spürbar. Doch die Zukunft sieht anders aus: Statt auf den nächsten Ausfall zu reagieren, werden wir ihn kommen sehen.
Die erfolgreichsten Maschinenbauer der Zukunft werden diejenigen sein, die nicht nur Teile liefern, sondern sicherstellen, dass die Anlage niemals stillsteht.
Die gesamte Interviewreihe im Überblick:
- Ersatzteile sind kein Nebengeschäft für Maschinenbauer
- Man kann nicht alles lagern – aber man sollte wissen, was als Nächstes bricht
- Die Obsoleszenz-Falle: Warum „proaktiv“ schwieriger ist, als es klingt
- Die Daten-Zukunft: Das Ersatzteil liefern, bevor der Fehler auftritt

